"Poesie des einfachen Lebens - Poésie de la vie simple"

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Die französischen Gedichte von Rainer Maria Rilke in Auswahl.

Mit Graphiken von Peter Heinzelmann.


Edition Goldbeck-Löwe, Berlin, Herbst 2005/Frühjahr 2010

Preis: 28,00 €

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Mit der Formel "Poésie de la vie simple" wird der spirituelle Hintergrund zu den Gedichten in französischer Sprache von Rainer Maria Rilke beschrieben. 

Choisis, traduits en allemand et commentés en francais. Ausgewählt, neu übersetzt und mit Hinweisen zum Verständnis versehen von Dr. Johannes Heiner. 
Ca. 50 Seiten in deutscher und 50 Seiten in französischer Sprache.
Jedes Exemplar handgebunden in rotem Leinen. 

 

Inhalt:

Introduction : L´accès de Rilke à la langue française.
Einführung : Wie Rilke zur französchen Sprache kam. 

I. "Vergers" / "Obstgärten"
II. "Les Quatrains Valaisans" / "Vierzeiler aus dem Wallis"
III. "Les Roses" / "Rosen"
IV. "Les Fênêtres" / "Fenster"
V. Poèmes épars - Einzelgedichte

Chaque chapitre donne une brève introduction et présente cinq poèmes choisis.
Jedes Kapitel stellt eine Gedichtsammlung von Rilke vor. Es werden fünf Gedichte ausgewählt, übersetzt und kommentiert. 


Leseprobe: Rilke in der Schweiz von 1921 bis 1926

Die beiden von mir ausgewählten Eckdaten, mit denen ich die dichterische Produktion Rilkes in französischer Sprache einrahmen möchte, sind die Entdeckung des Gedichtes "Der Friedhof am Meer" von Paul Valéry im Jahre 1921 und der Tod Rilkes am 29. Dezember 1926. Ich versuche, Rilkes Situation für deutsche LeserInnen zu skizzieren, bei denen ich voraussetzen darf, dass sie den Lebenslauf von Rilke schon kennen.
Nun, man kennt wohl den deutschsprachigen Rilke bis zum Februar 1922, als er die "Duineser Elegien", die "Sonette an Orpheus" und den "Brief an einen deutschen Arbeiter" schuf. Aber dann verlieren sich sein Leben und Werk im Dunkeln. Genau an diesem Punkt setzt mein Buch an. Es möchte dazu beitragen, das poetische Werk, das Rilke in französischer Sprache schrieb, bekannt zu machen. 
Rilke hatte während seiner Zeit in Paris (1902-1914, mit Unterbrechungen) ein intensives Verhältnis zur französischen Sprache aufgebaut. Er hatte die großen modernen französischen Lyriker Verlaine, Baudelaire und Mallarmé in genialer Weise übersetzt, um sie dem deutschen Publikum bekannt zu machen; er hatte persönliche Kontakte zu vielen französischen Autoren gewonnen und sich mit ihnen befreundet; er las und würdigte als einer der ersten Deutschen den großen Romancier Marcel Proust; er korrespondierte in französischer Sprache mit den weiblichen Größen der damaligen Zeit; er schrieb rührende Briefe in französischer Sprache an Merline, seine geliebte Malerin. Alles dies und vieles mehr zeigt, wie sehr Rilke das Französische ans Herz gewachsen war. Und doch hätte er es sich nicht träumen lassen, dass er eines Tages selbst Gedichte in französischer Sprache schreiben würde, so sehr die Sprache ihm auch vertraut und lieb war. 

Was also ist passiert, dass Rilke damit begann, einen neuen Seitenzweig seiner dichterischen Produktion aufzumachen? 
In erster Linie war es das Ereignis der Februar-Tage 1922, dass er sein dichterisches Werk in deutscher Sprache mit den "Elegien" und den "Sonetten" erfolgreich abschließen konnte. Sie bricht als Jubel aus ihm heraus, worum er seit zehn Jahren gerungen hat, die Nachricht von der Vollendung seiner Meisterwerke. Sie bilden den krönenden Abschluss einer langen Dichter-Laufbahn. Rilke entspannte sich nun, las viel Französisches, das man ihm aus Paris zuschickte, hörte die Menschen französisch sprechen, ging viel spazieren und machte sich Notizen auf Französisch, die er dann später überarbeitete und zu gereimten Gedichten und Prosastücken formte. Es sind spielerische und tastende Versuche - mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und da ein Meister der Sprache sie ausführte, diese Versuche, gerieten sie sozusagen auf Anhieb. Rilke hat seine Ängste überwunden, er könne nicht genügen. Er hat sich getraut und war erstaunt über seine wachsenden Fähigkeiten. Seine französischen Freunde in Paris bestärkten ihn dann später darin, dass er weiter schreiben solle. Den Anfang hatte er, angeregt durch die sprachmächtigen Verse von Valéry, gemacht.
Ich sehe noch einen anderen Punkt. Rilke war ja eine lange Zeit blockiert gewesen. Er konnte nicht mehr aus dem eigenen Brunnen schöpfen. Er fand sich mit der Erklärung ab, dass das Werk noch nicht "reif" sei oder er nicht reif für das Werk. Das ist sicher richtig, trifft aber nur einen Teil der Wahrheit. Rilke hat sich in seiner Laufbahn als Dichter immer sehr hohe und ehrgeizige Ziele gesetzt. Da konnte es leicht geschehen, dass sie zu hoch angesetzt waren. Ein übertriebener Ehrgeiz kann den freien Fluss der Gefühle, Bilder und Gedanken durchaus unterbrechen. Mit den französischen Gedichten verfolgte er nun keine Ziele mehr. Er schrieb sie aus reinem Vergnügen am Spiel mit der Sprache. Damit traf er auf einen spielerischen Trieb in sich, dem nachzugeben er sich noch wenig gestattet hatte. Heraus kamen die vier Gedichtsammlungen, die ich in diesem Büchlein vorstelle, und eine größere Zahl von einzelnen Gedichten. 
Man hat die französischen Gedichte von Rilke "charmant" genannt. Das sind sie zweifellos. Sie haben den Charme eines spielenden Kindes, das sich unbefangen bewegt und vor sich hin singt - kleine Lieder in einer zwar fremden, aber vertraut klingenden Sprache. Französisch zu schreiben, bedeutete ihm, wieder in Paris zu sein. Es bedeutete ihm auch, mit seinen Freunden zu sprechen und sich ihnen mitzuteilen. Es bedeutete nicht zuletzt, die vielen Beobachtungen an Landschaft, Häusern und Menschen im Wallis festzuhalten, um sie in Briefen mitzuteilen. Mit seinen französischen Gedichten hat sich Rilke von neuem mit dem Leben, wie es ist, versöhnt. Er lebte leichter, als es ihm jemals zuvor gegeben war - bis ihn in der Mitte des Jahres 1926 die Krankheit als Vorbereitung auf den Tod definitiv einholte. Er begab sich nach Valmot in die Obhut eines ihm bekannten Arztes. Aber er beklagte sich nicht, sondern schrieb tapfer an seinen französischen Gedichten weiter. 
(Johannes Heiner, Poesie des einfachen Lebens, S. 14 ff.)